Review: Kimba der Weiße Löwe Vol. 2 [Blu-Ray]

© Tezuka Productions

Am 23. Februar 2018 veröffentlichte Publisher Nipponart das zweite Volume von Osamu Tezuka`s kultigem Anime Klassiker Kimba der Weiße Löwe auf DVD und Blu-Ray und vervollständigte die Veröffentlichung damit um die finalen 27 Folgen, die anno dazumal ausgestrahlt worden sind. Eine umfangreiche Review mit entsprechender inhaltlicher Synopsis zum ersten Volume findet ihr hier: Klick – Das eigentliche Highlight dieser Ausgabe ist, dass auch die lange Zeit als verschollen geltende originäre Folge „Dschungeldame mit Hut“ nun erstmalig mit der klassischen deutschen Vertonung mit von der Partie ist, und auf Disc 3 und 4 die restlichen 13 Folgen enthalten sind, die damals als Auftakt des Quasi-Nachfolgers nachträglich unter dem Titel „Boubou, König der Tiere“ ausgestrahlt worden sind. Damit liefert Nipponart die vollständig(ist)e Fassung der Serie, die bislang auf dem deutschen Markt erhältlich gewesen ist. Wie uns der Trip zurück in Kimba’s Dschungelkönigreich gefallen hat, erfahrt ihr in dieser Review.

ZIVILISATION IST DIE STÄNDIGE VERMEHRUNG UNNÖTIGER NOTWENDIGKEITEN

Wie auch schon bei der ersten Vol 1. folgt Kimba der Weiße Löwe in der zweiten Box ebenfalls keiner strikt chronologischen, episch angelegten Erzählung. Stattdessen haben wir bedingt durch den Einfluss der NBC, auf den ich ja schon in der letzten Review eingegangen bin, ein USA-kompatibles „Case of the Week“-Format, in dem welchem die Folgen unabhängig voneinander funktionieren. Tatsächlich kann die zweite Serienbox also auch von ZuschauerInnen geschaut werden, die bisher nicht in den Genuss des ersten Volumes gekommen sind – Möglich macht es beispielsweise die Folge „Ein Freund in Not“, in welcher Kimba mitsamt seiner kindlichen Mitstreiter einen schwierigen Test der Elefanten bestehen muss, den sogenannten „Sumpftest“, um seinen menschlichen Kompagnon Ronny aus den Fängen der Dickhäuter zu befreien. Bei dem Sumpftest müssen die Tiere drei Tage und Nächte durch den Sumpf schwimmen ohne unterzugehen. Zeit genug, damit Kimba seinen interessierten Freunden die Geschichte erzählt, wie er einst nach dem Tod seines Vaters und der missglückten Überfahrt über den Ozean überhaupt auf Ronny getroffen ist. Damit geht zwangsweise ein partieller Anriss von Kimbas Origin-Story einher. Ganz ohne Entwicklung geht es dann aber doch nicht: Ein emotionaler Reifeprozess ist dennoch bei Kimba in der zweiten Serienhälfte zu beobachten. Ging es im ersten Volume vordergründig oft um die Zweifel, die Kimba an seiner Herrschertauglichkeit gehegt hatte, wirkt er jetzt zum Ende hin viel selbstsicherer. Andere ambivalente Seiten zeigen sich viel präsenter: Viel zu häufig ist Kimba als Teenager jetzt in einer „Wie du mir, so ich dir“-Trotzigkeit verhaftet. Er ist nach wie vor ein extrem empathischer Königszögling mit einem starken Gerechtigkeitssinn, aber er unterliegt auch oftmals seinem Eitel. Dann gilt es dem weisen Pavian Daniel, den jungen Löwen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Auch im späteren Folgenverlauf der Serie verbergen sich unter dem cartoonig-kurzweiligen Charakter eher ernsthafte gesellschaftliche Themen. Neben den zivilisatorischen Errungenschaften des Tierreiches werden natürlich auch immer wieder die dahinterliegenden Interessenkonflikte thematisiert. In der ersten Folge wird beispielsweise ganz nebenbei der illegale Diamantenabbau auf dem afrikanischen Kontinent thematisiert – In der 30. Episode „Der dunkelste Tag“, in welcher Kimba seiner Schwester Leona dabei helfen soll, die Felle ihrer Ahnenreihe in einen verlassenen Tempel zu bringen, dabei aber von einer Sonnenfinsternis, dem sinisteren Panther-Quartett überrascht wird, während zwischen ihm und Leona ein Streit ausbricht, wird sich unter der Oberfläche subtil mit Aberglauben und dem allzu tief verwurzelten Ahnenglaube kritisch auseinandergesetzt – möglicherweise in Anlehnung an den japanischen Shintoismus?

Auch Vol. 2 steckt also voller Querverweise auf die japanische, aber natürlich ebenso auf die Menschheitsgeschichte im Allgemeinen. Der Pavian Daniel durchbricht nach wie vor die 4. Wand, um die menschlichen ZuschauerInnen direkt anzusprechen. „Geschichten aus dem Dschungel“ erzählt er, „Wahre Geschichten“ – Wahr sind die Geschichten vor allem in dem Sinne, als dass sie universell sind und dass sie unmittelbar an unsere Lebensrealität anknüpfen. Sie funktionieren als Gleichnisse, die einen moralischen Mehrwert mit sich bringen. Ebenso benutzt gerade Pavian Daniel immer wieder literarsche, philosophische und auch historische Referenzen, um die moralische Lektion auf die Lebenswelt zu übertragen. Insofern ist Kimba grundsätzlich cleveres, anspruchsvolles Entertainment für Kinder und Erwachsene gleichermaßen

Highlight für die Sammler dürfte einerseits sein, dass die zumindest in Originalsynchro als verschollen geltende Folge „Dschungeldame mit Hut“ nun mit den alten Sprechern vorliegt, andererseits gleich in doppelter Ausführung als „Zorros Schwester“ die erste Episode der Serie „Boubou, König der Tiere“ bildet – Auf Disc 3 und 4 befinden sich dann auch folgerichtig die restlichen 13 Episoden, die eigentlich zum Ursprungskanon dazugehören, aus rechtlichen Gründen in Deutschland aber erst als Teil der Nachfolgeserie ausgestrahlt werden konnten. Interessant ist hier vor allem, wie die beiden identischen Folgen (besagte „Dschungeldame mit Hut“ und „Zorros Schwester“) allein durch die Lokalisierung in einigen inhaltlichen Belangen voneinander abweichen. Leider ist mit diesem Umstand auch verbunden, dass die Namen der Protagonisten ab Disc 3 komplett unterschiedlich sind. „Kimba“ ist nun folglich „Boubou“, aus „Franzi“ wird „Jane“ und aus der Gazelle „Bucky“ wird etwa „Johnny“ – auch die anderen nennenswerten Hauptfiguren tragen nunmehr alle unterschiedliche Namen, was für mich ein bisschen den Zugang zu den Folgen erschwerte.

Dennoch bieten die beiden Gesamtausgaben inhaltlich ein Rundumsorg-Paket für Nostalgiker und Sammler und die vollständigste Ausgabe der klassischen Serie.

BILD UND ANIMATION

Auch das zweite Volume zeichnet sich durch ein durchdachtes und absolut hochwertiges digitales Remastering aus. Auch hier sind die Farb- und Kontrastwerte des charmanten originären Bildmaterials absolut satt und „crispy“ – auch bei der mehrfach genannten „Dschungeldame mit Hut“ – Das Opening der 13 nachträglich gelieferten Episoden beruht allerdings noch auf dem VHS-Material und enthält entsprechende Artefakte, hier wurde für die verbliebenen 13 Folgen wohl nicht mehr die entsprechende Mehrarbeit geleistet, was allerdings nur bedingt schlimm ist. Allerdings wirken auch die Farbwerte der „Boubou“-Folgen ein Ticken farbärmer, gerade wenn man die restaurierte „Dschungeldame“ neben „Zorros Schwester“ betrachtet, fällt das etwas blaustichigere Bild auf. Ansonsten liegt das digital aufbereitete Bildmaterial in 1080p Auflösung und im 16:9 bzw. 4:3 (Pillarbox) Format vor.

TON UND SYNCHRONISATION

Selbiges betrifft leider auch die Synchronisation – Können die Folgen 27 – 39 noch auf die alteingesessene klassische Sprecherriege um Oliver Grimm, Harry Wüstenhagen und gerade Klaus Miedel (!) als Daniel zurückgreifen, die anno dazumal einen nahezu perfekten Job geleistet und wunderbar zu den Charakteren gepasst haben, musste man mit den „Boubou“-Folgen vermutlich auch aus lizenzrechtlichen Gründen leider andere Sprecher einsetzen. Und auch hier kann man die „Dschungeldame“-Folge exemplarisch für einen Vergleich heranziehen: Die neuen Sprecher wirken nicht annähernd charismatisch, alles wirkt irgendwie flacher und partiell overacted. Gerade beim Pavian Daniel fällt die Änderung des Sprechers besonders gravierend aus: Vermittelte Miedel mit seinem sonoren Stimmorgan das nötige Maß an Weisheit, krächzt der Pavian in Boubou nur noch mit einem schrillen und dümmlich anmutenden Stimmchen vor sich hin. Über die Synchrondarbietungen werden teils ganze Charakterzüge deutlich geändert. Die Synchronleistungen wirken schlicht nicht mehr so qualitativ erhaben. Hier konnte nipponart nichts machen, da das Ursprungsmaterial ja grundsätzlich nichts anderes hergibt. Für mich fühlte sich die Änderung ab Disc 3 ein wenig schmerzlich an.

Der Opener ist weniger catchy als das tolle Original, aber dennoch schön arrangiert und liefert einen schönen Ausblick auf die inhaltliche Ausrichtung „Boubou“-Folgen (im Gesamten, nicht auf die 13 vorliegenden Episoden bezogen). Ansonsten ist der Score aus der Feder von Isao Tomita wunderbar ausgetüftelt und unterstützt Szenen mit der passenden auditiven Untermalung, sei es komischer, oder eher tragischer Natur. Auch beim zweiten Volume setzt man auf gut abgemischten PCM 2.0-Sound, der zwar keine direktionalen Mehrwerte bietet, aber schlicht soliden Klang bietet. Wie auch schon beim ersten Boxset gibt es keinen japanischen Ton, sondern lediglich die deutsche Synchronfassung.

PHYSISCHE UMSETZUNG UND EXTRAS

Nipponart-typisch kommt Kimba der Weiße Löwe in einer sehr schicken Aufmachung auf den Markt. Dicke Digipacks im Pappschuber mit hübschen Artworks im Innenbereich gehören ohnehin zum Standard des Labels. Und natürlich darf auch der obligatorische etwa A5-große Sticker nicht fehlen. Ähnlich wie zuletzt bei Haibane Renmei gibt es statt einem Poster ein kleines Booklet, in welchem auf die Entstehungsgeschichte hinter der Produktion eingegangen wird.

Leider haben es als Extra nur der originale Vor- und Abspann auf die Disc geschafft, was bei einem derartigen Klassiker herzlich schade ist. Hier wäre ggf. deutlich mehr drin gewesen, etwa der Inhalt des Booklets als audiovisuelle Variante. Im Endeffekt also dasselbe Defizit wie auch schon beim ersten Volume.

Fazit:

Ich wiederhole an dieser Stelle weitestgehend das Fazit der Review zum ersten Volume: Kimba der Weiße Löwe funktioniert auf vielen Ebenen auch heute noch und hält seinen Klassiker-Status berechtigterweise inne. Denn Altmeister Tezuka hat hier neben einem von tiefem Humanismus geprägten Lehrstück für Kinder mit einem sympathischen und bezaubernden Figurenensemble vor allem einen Abgesang auf das Kaiserliche Japan und die militaristische Gesellschaft gezeichnet. Kimba der Weiße Löwe ist ein Statement für eine pluralistische und egalitäre Gesellschaft. Trotz der narrativen Brüche ist Kimba der Weiße Löwe eine ungemein berührende  Geschichte für Jung und Alt, die zurecht fester Bestandteil der japanischen Pop Kultur ist.

Nipponart hat mit den beiden Volumes eine wunderbare Gesamtausgabe geliefert, die für Nostalgiker und Sammler gleichermaßen interessant ist. Für erstere, weil die Serie nun weltweit erstmals auf Blu-Ray im aufgehübschten Gewand erschienen ist, für Letztere hingegen vor allem, weil mit den verbliebenen 13 Episoden sowie der Episode „Dschungeldame mit Hut“ in der originären Synchronfassung ein vollständiges Komplettpaket geschnürt worden ist. Für mich ist es ein wenig schade, dass mich die Sprecherqualität der „Boubou“-Serie nicht überzeugen kann, aber das ist dann etwas, wofür nipponart herzlich wenig kann.

Kimba der Weiße Löwe Vol. 2
8 Team
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Handlung8.5
Charakterentwicklung7.5
Animation7
Synchronisation8
Unterhaltung9
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ALLGEMEINE DATEN

© Tezuka Productions

Veröffentlichung: 23. Februar 2018
Publisher:  Nipponart

Genre: Coming-of-Age, Abenteuer, Dramedy

Laufzeit: ca. 650 min

FSK: 6

Bild: 1080p, 16:9 Pillarbox

Ton/Sprache:  Deutsch PCM 2.0

Untertitel: –

 

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Kimba der Weiße Löwe Vol.2 [Blu-Ray]

Kimba der Weiße Löwe Vol. 1 [DVD]

Handlung:

Bei dem Versuch, seine Frau aus den Fängen übler Großwildjäger zu befreien, verliert der weiße
Löwenkönig Cäsar sein Leben und sein Sohn Kimba muss auf einem Schiff das Licht der Welt
erblicken. Kimba gelingt jedoch die Flucht und er kann in den Dschungel zurückkehren. Dort will er
den Traum seines Vaters Wirklichkeit werden lassen: Alle Tiere und Menschen sollen in Harmonie
zusammenleben. Unterstützt wird er bei diesem Vorhaben von seinen Freunden Pauly, dem
Papagei, der Antilope Bucky und dem weisen Pavian Daniel.

Quellen: nipponart.de, Amazon.de,
Copyright: © Tezuka Productions