Von all den Ideen, die der neue Film Ghost in the Shell bietet, zeigt sich eine These, als die wichtigste: die Erinnerung – sie definiert unsere Menschlichkeit. Aber, auch unsere Handlungen zeigen, wer wir sind.

Da die Grenze zwischen Mensch und Maschine in der Zukunft fließend ist, gibt es die radikale Gelegenheit, sich ein neues Ich zu erschaffen, welches zwar von der Vergangenheit geprägt ist, sich aber nicht an sie klammert. Diese Vorstellung zeigt sich gut in dem Film und wie er gemacht wurde. Als Teil einer weit größeren Cyberpunk-Tradition greift er auf alte Ideen zurück und versucht gleichzeitig einen neuen Weg zu beschreiten. Und durch diese Behandlung der Franchise-Geschichte gelingt der Realverfilmung es in einigen Fällen – und scheitert entscheiden in anderen.

Als Live-Action-Adaption eines gehegten und gepflegten Anime-Meisterwerks ist Ghost in the Shell ein technisch solider Film, der einige Hommagen an diverse Spielfilme, die ihn inspiriert haben, nicht verleugnen kann. So erinnern die Stadt und die Straßen doch stark an Ridley Scott’s Meisterwerk Blade Runner (1982), während einige Szenen direkt aus Matrix (1999, Lana und Lilly Wachowski, aka Larry und Andy Wachowski) entsprungen sein könnten. Ghost in the Shell kämpft mit der Frage der Posthumanität und Individualität in einer visuell prächtigen Ursprungsgeschichte, die viel Raum für eine Fortsetzung lässt. Vielleicht wäre das auch genug, wenn es nicht um die Kontroverse in der Story des Films ginge. Wo 1995 in dem Anime das Problem der Rassen nur angedeutet wurde, bringt das Update dieses nicht nur an die Oberfläche –  nein – es macht es zu einem Monster. Der neue Ansatz zeigt die Risse in der alternden Geschichte, die die ersten Filme ausmachten und vielleicht das ganze Cyberpunk-Genre definierten.

Vorsicht: Spoiler!!!

Regisseur Rupert Sanders (Snow White and the Huntsman) erzählt die Geschichte von Major Mira Killian (Scarlett Johansson), einem Cyborg-Operateur, die für den Counter-Terror-Task Abschnitt 9 in einer nicht näher bezeichneten futuristischen Stadt in Ostasien arbeitet. Geleitet vom Sektionschef Daisuke Aramaki (Takeshi Kitano) untersucht sie zusammen mit ihren Kollegen Batou (Pilou Asbæk), Togusa (Chin Han) und anderen Hacker und Cyber-Kriminellen in einer Zukunft, in der Terrorismus bedeutet, dass man falsche Erinnerungen in die Gehirne der Bürger digital einpflanzt oder sie sogar in Marionetten verwandelt. Ihre Aufgabe führt sie zu einem Hacker, den man nur als Kuze (Michael Pitt) kennt. Dieser führt eine persönliche Vendetta gegen die mächtige Robotik-Firma Hanka Robotics und Regierungsunternehmer, die den Körper von Mira erschaffen haben. Kuze hat aber auch ein besonderes Interesse an Mira.

Miras Helfer
Kuze

Von Anfang an ist klar, dass Sanders seine Ghost in the Shell-Hausaufgaben gemacht hat. Er zeigt eine echte Anerkennung für die ursprünglichen Mangas von Masamune Shirow und die Spin-Offs, die diesem folgten. Obwohl Sanders den klassischen Anime-Film von Mamoru Oshiis (1995) als Ansatz nimmt findet man auch Story-Elemente aus Shirow’s Manga Ghost in the Shell 2: Innocence (2004) und der TV-Serie Ghost in the Shell: Stand Alone Complex. Auch andere Cyberpunk-Klassiker spicken ganz großartig den Film und machen ihn frisch und doch vertraut.

VFX-Outfit MPC und das Spezialeffekt-Unternehmen Weta Workshop haben Ghost in the Shell mit zu einem der schönsten Filme des Jahres gemacht. Direkt aus Oshii entliehen, zeigt eine frühe Szene, wie Miras kybernetischer Körper “geboren” wird, wie die Haut über die synthetischen Muskeln und Knochen gezogen wird – in einer fesselnden, als auch beruhigenden Weise, nicht zu vergleichen, mit der harten Entstehung der Roboter in der TV-Adaption von Westworld (2016).

Miras erster Atemzug

Später, als Mira in einen Raum platzt, in einer Wolke von Pixeln und Glas, um die Terroristen und Roboter zu vernichten, die in den Geist eines Hanka-Chefs eindringen wollen, erkennt man sofort eine Anlehnung an Ghost in the Shell und Stand Alone Complex. Sanders arbeitet bei der Kampf-Choreographie und dem Kameraeinsatz ähnlich, wie 1999 die Wachowski-Brüder in Matrix. Manchmal merkt man aber Sanders’ Film fast sklavisch an, wie er dem Quellenmaterial nacheifert.

Stil steht vor Substanz – so scheint der ganze Film zu sein. Action ist das Hauptanliegen des Films, obwohl er als Adaption von Ghost in the Shell einige Zeit darüber meditiert, wie man eine Seele lokalisieren kann, wenn das Biologische mit dem Technologischen verschmilzt. Dieser Handlungsstrang konzentriert sich auf den Major und ihre Vergangenheit. Hankas Dr. Ouélet (Juliette Binoche) behauptet, dass Mira und ihre Eltern Opfer eines Terroranschlag waren und Mira dabei dem Tod so knapp entgangen sei, dass sie einen kompletten Roboterkörper brauchte. Obwohl Mira keine Erinnerung an dieses Ereignis hat, wird sie von Gedächtnis Glitches heimgesucht und so beschränkt man den Umfang des Films auf Miras Bedürfnis, sich selbst zu verstehen.

Miras Stadt

In einem Interview mit CNET sagte Sanders, dass die “Stille und Ruhe” des ursprünglichen Films, das heutige Publikum nicht ansprechen würde – Fans, als auch Kritiker stimmten dieser Aussage nicht zu. Das Ergebnis ist ein Sci-Fi-Thriller, der auf dem Konzept beruht, dass denkende Maschinen zustimmen müssen, wenn sie ihre Gedanken, wie eine Festplatte öffnen.

Hat nur Scarlett Johansson Mira spielen können? Während sie in der letzten Hälfte des Films lebendiger wirkt – während die Handlung von Ghost in the Shell einen Gang höher schaltet – vermittelt sie niemals die komplexe Mischung aus Frustration, Verwirrung und Weisheit, die die Schauspielerin Atsuko Tanaka seit 1995 als animierte Version des Charakters geliefert hat. Johansson hat sicherlich die physische Autorität einer mächtigen Tötungsmaschine, was sie schon in dem Film Die Insel, als Black Widow in Avengers und als titelgebende Figur in Lucy unter Beweis gestellt hat. Doch mehr als einmal fällt die Angst um ihre Vergangenheit unter die Oberfläche. Asbæk und Binoche bieten leichter menschliche Emotionen, wie Angst, Zuneigung und Schande in ihren jeweiligen Rollen und dienen als Helfershelfer für Mira, als sie darum kämpft, ihre Menschlichkeit aufzudecken. Der Streifen soll zeigen, wie Mira die Umwandlung in ein Wesen mit einem komplizierten und resonanten Innenleben durchmacht. Doch Johanssons meist flache Leistung verkauft den Handlungsbogen nie richtig. Diese Idee der Transformation und ihre Beziehung zu ihrem lebendigen und kulturellen Gedächtnis zerbricht letztlich den Film.

Ghost in the Shell hat einige Längen, um seinem Rahmen eine kulturell vielfältige Metropole zu verleihen, die von Bewohnern bevölkert ist, die ihren Körper technologisch verbessert haben. Der hauptsächliche Stil ist im Grunde schwarz/weiß und nur die Akteure haben die Möglichkeit, mit einiger Farbe zu glänzen. Zatoichi-Star Kitano bringt eine fast mühelose Präsenz in jede Szene, in der er zu sehen ist. Die größte Frage ist jedoch, wie der Film die Verschiebung von Mensch zu Posthuman präsentiert. Der Höhepunkt des Films zeigt, wie die junge Frau namens Motoko Kusanagi entführt wird, um die Mensch-Maschine-Hybrid-Mira zu erschaffen.

Dieser Dreh – die Idee mehr als menschlich zu sein – ist schrecklich. Und zwar aus einigen Gründen. Zuerst einmal hat der Name Motoko Kusanagi für Fans des Franchises ein großes Gewicht. Im Original ist Motoko einfach der Major. Jetzt ist Motoko eine japanische Frau, die zerstört wird, damit der Major existieren kann. Im Film zu sehen, wie dieser Charakter durch Mira Killian ersetzt wird, ist zutiefst enttäuschend. Des Weiteren, und am Wichtigsten: Es ist einfach seltsam, wie eine japanische Person in einen weißen Körper gesetzt wird. Ghost in the Shell, als Produkt des späten 20. Jahrhunderts und der damals herrschenden Idee über Cyborg-Identitäten, handhabt die Ideen über ein Selbst, das Rasse und Geschlecht zugunsten einer höheren Form des Bewusstseins aufgibt. Der Traum der 90’er Jahre war eine digitale Utopie, die solche Kategorisierungen hinter sich gelassen hat. Das Problem ist, dass, fast 30 Jahre nachdem Masamune den Stift aufs Papier drückte, wir nirgendwo auch nur in der Nähe dieser Realität sind. Johansson kann nicht umhin, in der Geschichte des Ghost in the Shell-Franchises überholt zu werden.

Ghost in the Shell
7.3 Reviewer
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Summary
In einem starken Moment erklärt der Major dem Publikum: “Wir klammern uns an unsere Erinnerungen, als ob sie uns definieren. Aber, das was wir tun macht uns aus.” Diese Zeilen zeigen die Krux des Filmes, denn wenn sie stimmen würden, könnte man einfach sagen, dass Ghost in the Shell ein wunderschöner kleiner Film, mit eigenständiger Geschichte und guten Schauspielern war. Man könnte ihn seinen Freunden empfehlen, die die Reihe seit Jahren geliebt haben, mit Ratschlägen, die ihre Erwartungen vielleicht etwas dämpfen. Und man würde sich fragen, wohin eine unvermeidliche Fortsetzung führen könnte.Aber die Wahrheit ist, dass wir in einer Welt leben, in der Ghost in the Shell mit Fragen über Rasse und kulturelle Identität kollidiert, sie aber nicht angemessen beantworten kann. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht ist es lehrreich, dass Ghost in the Shell ein solider Film auf einem wackeligen Fundament ist. Vielleicht ist dies der Film, der gemacht werden musste, um die Fragen der interkulturellen Anpassungen in Hollywood darzustellen.
Handlung8
Schauspiel7
Regie6.5
Spannung7.5
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